2 Mikro: Schulqualität und Bildungsproduktion

Ein zweites großes Thema im mikroökonomischen Bereich der Bildungsökonomik ist die Analyse von Schülerleistungen im Bildungsprozess. Mikroökonometrische Untersuchungen können die Effekte von familiärem Hintergrund, Ressourcenausstattung und institutionellen Charakteristika auf die Leistung von Schülern in den Haupt-Unterrichtsfächern schätzen und somit aufzeigen, wie eine hohe Qualität in der „Produktion von Bildung“ innerhalb der „Bildungsindustrie“ – also in Schulen und in anderen Bildungsinstitutionen - erreicht werden kann. Untersuchungen der relativen Effekte von Familien, Ressourcen und Institutionen auf die Schülerleistung existieren sowohl für die Länder der EU (Wößmann 2003c, vgl. auch Abschitt 1) als auch für die Beitrittsstaaten (Ammermüller, Heijke und Wößmann 2005). Schleicher fungiert als verantwortlicher Koordinator der weithin bekannten PISA Studie (OECD 2001) und der regelmäßig erscheinenden OECD Statistik „Bildung auf einen Blick“ (engl. Titel: Education at a Glance), die über Leistung, Ressourcen und institutionelle Charakteristika europäischer und anderer OECD-Staaten berichtet (OECD 2002).

Mehrere Studien haben die Auswirkung des familiären Hintergrundes auf die Leistung von Schülern untersucht. So gibt es z.B. Untersuchungen (aus Norwegen) über den Effekt der Zusammensetzung der Schülerschaft auf die Schulleistung und auf Bestimmungsfaktoren des Engagements der Eltern in der Bildungsproduktion (Bonesrønning 1996; 2003), Untersuchungen über die relative Bedeutung von Veranlagung und Erziehung in der Interrelation zwischen Familienhintergrund und Schule (Plug und Vijverberg 2003) sowie über den familiären "Tradeoff" zwischen der Anzahl der Kinder und der Qualität ihrer Ausbildung (Hanushek 1992). Darüber hinaus spielt Bildung auch eine wichtige Rolle für das Ausmaß der innerhalb einer Gesellschaft erreichten intergenerativen Mobilität (vgl. Dearden, Machin und Reed 1997 für Großbritannien).

Eine Schlüsselfrage in der Literatur zur Bildungsproduktion stellt die Rolle der Ressourcenausstattung für die Verbesserung der Qualität des Bildungsoutputs dar. Der bahnbrechende und vielzitierte Überblick Hanusheks (1986; 2003a) mit zahlreichen Aktualisierungen zu diesem Thema hat gezeigt, dass Ressourcen im allgemeinen und Klassengröße im besonderen eine sehr geringe Rolle in der Bestimmung der Leistung von Schülern spielen und dass in öffentlichen Schulen ein ausgesprochener Mangel an Effizienz vorliegt und input-orientierte Schulpolitiken gescheitert sind. Ähnliche Belege für die Erfolglosigkeit von ressourcen-orientierter Politik existieren für viele europäische Länder. Beispielsweise führte in den meisten OECD Ländern ein substanzieller Anstieg der Ressourcenausstattung pro Schüler nicht zu einer Verbesserung der durchschnittlichen Schülerleistung (Gundlach, Wößmann und Gmelin 2001), was letztendlich bedeutet, dass die Schulproduktivität definiert als Output pro Input dramatisch gesunken ist. Vignoles et al. (2000) untersuchen die Evidenz von Ressourceneffekten in Großbritannien.

Inzwischen ist es bereits allgemein bekannt, dass institutionelle Charakteristika von Bildungssystemen, wie z.B. zentrale Prüfungen, Schulautonomie, Einflussmöglichkeiten von Lehrern und Wettbewerb, mit der Variation der Schülerleistung zwischen den Ländern viel stärker in Zusammenhang stehen als die Ausstattung mit Ressourcen (Wößmann 2003a). Erst seit kurzer Zeit existieren Studien, die ernsthaft die Effektivität von Interventionen im Bereich der Bildungspolitik evaluieren. Zu solchen Interventionen zählt beispielsweise das Prinzip der bildungspolitischen Verantwortlichkeit, bei dem die Politiker, Lehrer und Schulen für das erzielte Ergebnis verantwortlich machen (vgl. Hanushek und Raymond 2001). Eine andere Maßnahme, die kürzlich viel Aufmerksamkeit erregte, besteht darin, Bildungsgutscheine einzusetzen. Indem man den Schülern und ihren Eltern Wahlmöglichkeiten gibt, entsteht zwischen den Schulen ein Wettbewerb, der qualitätssteigernd wirkt. Howell und Peterson (2002) und Peterson et al. (2003) analysieren Zufallsexperimente mit Bildungsgutscheinen, die anscheinend zu einer Verringerung der Leistungslücke zwischen Schülern schwarzer und weißer Hautfarbe in Stadtgebieten der USA führen können. Filer und Münich (2000) untersuchen in Tschechien und Ungarn die Reaktion privater und öffentlicher Schulen auf eine Finanzierung durch Gutscheine. Der Zusammenhang von öffentlichen und privaten Schulen und ihre relative Effektivität fällt ebenfalls in diesen Bereich (vgl. z.B. Jimenez und Sawada 2003).

Schließlich beeinflusst auch der Arbeitsmarkt für Lehrer die Qualität der schulischen Bildung auf zentrale Weise. Dolton (vgl. 2004) hat die Ökonomik des Angebots an Lehrern ausgiebig untersucht, und dabei eine spezielles Augenmerk auf den Einfluss weiblicher Teilnahme am Arbeitsmarkt, Beschäftigungswahl (Dolton und Makepeace 1993) sowie auf Ausstiegsentscheidungen und Lehrerfluktuation (Dolton und van der Klaauw 1995; 1999) gerichtet. Weitere Studien des Arbeitsmarktes für Lehrer umfassen Wolter und Denzler’s (2003) Analyse der Lohnelastizität des Lehrerangebots in der Schweiz und die Untersuchung von Falch, Bonesrønning und Strøm (2005) über die Qualität von Lehrern und die Zusammensetzung der Schülerschaft.

Aktuelle Studien in diesem Gebiet setzen sich mit den Unterthemen, die bereits oben erwähnt wurden auseinander. In einigen Artikel analysieren Torberg Flach und seine Kollegen den Arbeitsmarkt für Lehrer: Falch und Strøm (2005) untersuchen, ob der Kündigungsentschluss von Lehrern von nicht-pekuniären Job Attributen abhängt. Falch and Rønning (2007) zeigen, dass die Kündigungsentscheidung von Lehrern durch die Schülerleistungen beeinflusst werden. Falch, Johansen and Strøm (2009) erforschen die Beziehung zwischen Engpässen auf dem Arbeitsmarkt für Lehrer und Konjunkturzyklen. Unser neuer externer Sachverständige Andrew Leigh aus Australien hat sich ebenfalls bereits mit dem Lehrerarbeitsmarkt in einigen Studien auseinandergesetzt. Dabei wurde unter anderen die Gründe für einen Rückgang der Lehrereignung in den USA oder auch der Effekt der Lehrerbelegschaft auf die Verbesserung der akademischen Leistung der Schüler in Australien untersucht (Leigh 2009).

Hinsichtlich der Auswirkungen der familiären Hintergründe auf die späteren Leistungen zeigen Nielsen, Rosholm, Smith und Husted (2003) einen bemerkenswerten Einfluss des Vermögens der Eltern, zum einen auf die Wahrscheinlichkeit einen qualifizierten Abschluss zu erreichen, und zum anderen auf den Einstieg in den Arbeitsmarkt.

Ob nun die Schulausstattung die akademische Leistung beeinflusst, war in den vergangenen Jahren ein wichtiger Gegenstand der Forschung. West und Wößmann (2006a und 2006b) analysieren den Effekt der Klassengröße auf die Schülerleistungen und die mögliche Aufteilung von Schülern auf verschiedene Klassen unterschiedlicher Größen in einem internationalen Vergleich einiger OECD Länder. Bressoux, Kramarz und Proust (2008) untersuchen mit Hilfe von Daten aus französischen Erhebungen die Effekte von Klassengröße und Lehrerausbildung auf Schülerleistungen, Leuven, Oosterbeek and Rønning (2008) untersuchen Effekte der Klassengröße in Norwegen. Leuven, Lindahl, Oosterbeek und Webbink (2007) evaluieren eine niederländische Politikmaßnahme, dass finanzielle Unterstützung für Schulen mit einem besonders hohen Anteil an beeinträchtigten Studenten vorsieht.

In den letzten Jahren verzeichnete die Literatur über institutionelle Effekte von einigen Schulsystemen auf Schülerleistungen ebenfalls Fortschritte. Einige Studien untersuchen den Effekt der Aufteilung nach Leistungsfähigkeiten auf die Schülerleistungen: Hanushek und Wößmann (2006) benutzen Daten aus internationalen Vergleichstests von Schülerleistungen, um die Effekte eines mehrgliedrigen Schulsystems auf die akademische Leistung und Ungleichheit zu untersuchen. Brunello und Checci (2007) analysieren die gleiche Frage, jedoch richten sie ihr Augenmerk auf spätere Ergebnisse, wie z.B. die Immatrikulation an Universitäten oder den Anfangsgehältern. West und Wößmann (2008) zeigen, dass ein großer Privatschulsektor die Leistungen der Schüler in einem Land verbessert. Leuven, Oosterbeek und van der Klaauw (2009) untersuchen eine politische Maßnahme, die finanzielle Anreize für Schüler bieten, um ihre Leistungen zu verbessern.

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Referenzen

2a Familien und Schülerleistung, erster Teil
2a Intergenerative Mobilität, zweiter Teil
2b Effekte von Ressourcen, Lehrern und Klassengrößen, Effizienz
2c Systemische Effekte (Wahlfreiheit, Wettbewerb, Prüfungen, Autonomie, etc.), Interventionen
2d Arbeitsmärkte von Lehrern